Rede von Birgit Möckel

 

anlässlich der Ausstellungseröffnung Hermann Rudorf_Spirito Santo am 20. März 2015

im Projektraum ANT, Berlin

 

veröffentlicht in der Schriftenreihe Band 2 Zum Zufall,

herausgegeben von der von der WILLMS NEUHAUS STIFTUNG Zufall und Gestaltung.

 

zur Ausstellung (20.3. - 24.4.2015) erschien der Katalog Hermann Rudorf_Spirito Santo,

herausgegeben von der von der WILLMS NEUHAUS STIFTUNG Zufall und Gestaltung.

 

 

 

 

Spirito Santo lautet der verheißungsvolle Titel, den Hermann Rudorf für die Reihe seiner aktuellen Arbeiten wählte, die er hier im Projektraum ANT  präsentiert. Und es darf getrost vermutet werden, dass der Maler nicht den Heiligen Geist als „externen“ Ideengeber anruft. Nein. Den braucht er wahrlich nicht.

 

Der Maler, ein Freigeist mit dezidierten Vorstellungen, hat seine Ideen, Themen, sein gesammeltes Vokabular „im Kopf“ und spielt mit dem Titel auf jene nicht kalkulierbare, geistige Inspiration an, die im Malen eben diesen „Kopf“ mit all seiner Erfahrung, seinem Wissen, Können und Wollen ein Schnippchen schlägt, sein Wissen zumindest partiell „ausknipst“, ihn gleichsam vom eingeschlagenen Weg abbringt, zu Umwegen oder Kehrtwenden verführt, um plötzlich – im Malfluss – zu weitreichenden Veränderungen oder ganz naheliegenden Spuren zu finden, denen dann wiederum dieser „Kopf“ oder „Geist“ folgen will oder muss oder sich verweigert … Wie es das Zufallende oder der Zufall will.

 

Ganz so einfach ist dieser innere – bewusste und unbewusste – Monolog beim Malen sicher nicht. Andeuten wollte ich hier nur jenen Schaffensprozess, der den Zufall als willkommenes Movens nicht nur akzeptiert, sondern ihn im Tun wieder und wieder herausfordert, ihm gleichsam die Chance gibt, sich zu zeigen und inspirierend dazu beiträgt, eben jenes Bild zu finden, das am Ende so und nicht anders bleiben darf – und sich als Teil dieser Welt und komprimiertes Ergebnis zahlloser Ereignisse zwischen Gesehenem und Gefundenem darstellt.

 

Als wolle Hermann Rudorf mit einer strengen Ordnung seine kraftvollen und doch immer auch feinen und poetischen Bilder zähmen, hat er sie hier in eine dichte Reihung gleicher Formate gebracht. Sie zeigen umfassende Ausschnitte aus den Serien Spirito Santo, floral und Liguria, die in Italien entstanden sind. Dazwischen und gegenüber sind drei Beispiele der großformatigen Nocturne-Leinwände präsentiert, die – wie die weiteren großen Formate – hier in Berlin geschaffen wurden: Alle hier gezeigten Arbeiten – bis auf eine Ausnahme – entstanden zwischen Herbst letzten Jahres und diesem Monat. Einziges Werk aus dem Jahre 2013 ist jene Tischvase, die mit ihren entschieden gesetzten Schwarz-Weiß-Kontrasten ganz beiläufig einen Anfang setzt und nicht zuletzt der räumlichen Situation und der Gastgeberin Referenz erweist.

 

Ebenfalls nicht zufällig empfängt uns im Entrée eine neue Arbeit aus der Reihe Nocturne – verweist doch eine partiell transparente violettfarbene fleckengleiche Partie an zentraler Stelle des Werks auf den Zufall, der sich hier als farbiges Ereignis artikuliert, seine Form aus der Bewegung fand und einen Dialog mit den anderen Schichten eingeht, die mit rastergleichen Strukturen, Waagerechten und Senkrechten, tiefschwarzen und hellen Partien antworten. Ob das Violett – als liturgische Farbe Sinnbild für den Übergang und die Verwandlung und damit nicht zuletzt als Verweis auf das bevorstehende Ostern und die Fastenzeit zu lesen – zufällig ins Bild geflossen ist, weiß ich nicht zu sagen. Vielleicht brachte mich nur der Titel Spirito Santo auf diese kunsthistorische Deutung – oder ist das alles nur Eingebung?

 

In allen Bildern der Nocturne-Reihe durchziehen filigrane Ornamente den Bildraum, die ihre feine Struktur historischen Musterwalzen verdanken, die der Maler als „Werkzeug“ für sich entdeckte und nutzt. Mit dem Einsatz dieses Musterrapports hat Hermann Rudorf eine stimmige Reibungsfläche gefunden, die die freie Geste durchkreuzt und neue bildimmanente Fragen aufrollt. Die Strukturen betonen die Vertikale des Bildraums, lassen Licht durch die Zwischenräume des graphischen Dekors aufscheinen oder schimmern sanft im nächtlichen Dunkel. Aus diesem flackert oder explodiert Pink oder Türkisgrün, zeigt sich dichtes oder flirrendes Weiß und ein ganzes Universum monochromer Farbigkeit zwischen hell und dunkel oder Tag und Nacht – nicht zu vergessen, die zahllosen Schichten dazwischen.

 

Jenem gerade erwähnten Ornament entsprechen wiederkehrende Kreisformen in der kleinformatigen Serie Spirito Santo , die ihren Ursprung einer kleinen Stanzform verdanken, die Hermann Rudorf im Feriendomizil in Ligurien entdeckte und die nun als Erinnerungsspur und formales Element den Bildraum bereichert. Vergleichbar einer Tagebuchnotiz hält jedes Blatt der insgesamt 47-teiligen Folge Eindrücke zwischen dem 2. und 9. Oktober 2014 fest. Schwebezuständen gleich erinnern die Werke an Natur, wie sie auch in den anderen Werkreihen in Erscheinung tritt. Ob Keim, Blüte, Samen, Sporen, fließende Linien oder Farbe pur: Wie in Zeitlupe gezoomt entstehen Bilder vom Werden und Vergehen, zeigen sich Transformationsprozesse, deren Kern sich öffnet und verschließt und zwischen Bild und Abbild oszilliert: Schillernd wie Seifenblasen entstehen und vergehen Träume. Dazwischen machen sich Schattenzonen breit, die sich zur Figur verdichten. Je nach Farbigkeit werden Strandszenen zu Tagträumen, schimmernde Tropfen zu Gloriolen, die sich auf madonnengleiche Köpfe setzen und die Alltagsszenerien mit den fernen Bildern aus den zahllosen Kirchenräumen der Gegend verweben. Frei fließend entwickeln sich auf dem Papier Formen und Farben, Lineamente und Binnenstrukturen, die sich in sanften Schwingungen oder seismographischen Wellen ganz selbstverständlich zwischen abstrakten und figürlichen Momenten bewegen.

 

Mit der Entscheidung für ein bestimmtes Kolorit sind Nähe oder Ferne, Reales und Irreales, Tag- und Nachtgedanken verknüpft. Farbe setzt so reale wie emotionale Impulse. Ob wir das Gesehene als Lokalfarbe oder Ausdrucksträger interpretieren, in den komplexen Überlagerungen und Raumstrukturen Landschaften, Figuren oder Architekturen entdecken – in allem Sehen zeigt sich die malerische Geste als kraftvoller Nukleus immer neuer nuancenreicher Welten aus Farbe und Licht, die eigenen Gesetzen folgt und doch aus der erlebten Wirklichkeit schöpft.


Dr. Birgit Möckel_Kunsthistorikerin, tätig als Kuratorin, Autorin, Hochschuldozentin, Vorsitzende des Kunstvereins KunstHaus Potsdam e.V., arbeitet in Berlin und Potsdam

Rede von Birgit Möckel

 

anlässlich der Ausstellungseröffnung

Hermann Rudorf Spirito Santo am 20. März 2015

im Projektraum ANT, Berlin

 

veröffentlicht in der Schriftenreihe Band 2 Zum Zufall,

herausgegeben von der

WILLMS NEUHAUS STIFTUNG Zufall und Gestaltung.

 

Zur Ausstellung (20.3. - 24.4.2015) erschien der Katalog

Hermann Rudorf_Spirito Santo,

herausgegeben von der

WILLMS NEUHAUS STIFTUNG Zufall und Gestaltung.

 

 

 

 

Spirito Santo lautet der verheißungsvolle Titel, den Hermann Rudorf für die Reihe seiner aktuellen Arbeiten wählte, die er hier im Projektraum ANT  präsentiert. Und es darf getrost vermutet werden, dass der Maler nicht den Heiligen Geist als „externen“ Ideengeber anruft. Nein. Den braucht er wahrlich nicht.

 

Der Maler, ein Freigeist mit dezidierten Vorstellungen, hat seine Ideen, Themen, sein gesammeltes Vokabular „im Kopf“ und spielt mit dem Titel auf jene nicht kalkulierbare, geistige Inspiration an, die im Malen eben diesen „Kopf“ mit all seiner Erfahrung, seinem Wissen, Können und Wollen ein Schnippchen schlägt, sein Wissen zumindest partiell „ausknipst“, ihn gleichsam vom eingeschlagenen Weg abbringt, zu Umwegen oder Kehrtwenden verführt, um plötzlich – im Malfluss – zu weitreichenden Veränderungen oder ganz naheliegenden Spuren zu finden, denen dann wiederum dieser „Kopf“ oder „Geist“ folgen will oder muss oder sich verweigert … Wie es das Zufallende oder der Zufall will.

 

Ganz so einfach ist dieser innere – bewusste und unbewusste – Monolog beim Malen sicher nicht. Andeuten wollte ich hier nur jenen Schaffensprozess, der den Zufall als willkommenes Movens nicht nur akzeptiert, sondern ihn im Tun wieder und wieder herausfordert, ihm gleichsam die Chance gibt, sich zu zeigen und inspirierend dazu beiträgt, eben jenes Bild zu finden, das am Ende so und nicht anders bleiben darf – und sich als Teil dieser Welt und komprimiertes Ergebnis zahlloser Ereignisse zwischen Gesehenem und Gefundenem darstellt.

 

Als wolle Hermann Rudorf mit einer strengen Ordnung seine kraftvollen und doch immer auch feinen und poetischen Bilder zähmen, hat er sie hier in eine dichte Reihung gleicher Formate gebracht. Sie zeigen umfassende Ausschnitte aus den Serien Spirito Santo, floral und Liguria, die in Italien entstanden sind. Dazwischen und gegenüber sind drei Beispiele der großformatigen Nocturne-Leinwände präsentiert, die – wie die weiteren großen Formate – hier in Berlin geschaffen wurden: Alle hier gezeigten Arbeiten – bis auf eine Ausnahme – entstanden zwischen Herbst letzten Jahres und diesem Monat. Einziges Werk aus dem Jahre 2013 ist jene Tischvase, die mit ihren entschieden gesetzten Schwarz-Weiß-Kontrasten ganz beiläufig einen Anfang setzt und nicht zuletzt der räumlichen Situation und der Gastgeberin Referenz erweist.

 

Ebenfalls nicht zufällig empfängt uns im Entrée eine neue Arbeit aus der Reihe Nocturne – verweist doch eine partiell transparente violettfarbene fleckengleiche Partie an zentraler Stelle des Werks auf den Zufall, der sich hier als farbiges Ereignis artikuliert, seine Form aus der Bewegung fand und einen Dialog mit den anderen Schichten eingeht, die mit rastergleichen Strukturen, Waagerechten und Senkrechten, tiefschwarzen und hellen Partien antworten. Ob das Violett – als liturgische Farbe Sinnbild für den Übergang und die Verwandlung und damit nicht zuletzt als Verweis auf das bevorstehende Ostern und die Fastenzeit zu lesen – zufällig ins Bild geflossen ist, weiß ich nicht zu sagen. Vielleicht brachte mich nur der Titel Spirito Santo auf diese kunsthistorische Deutung – oder ist das alles nur Eingebung?

 

In allen Bildern der Nocturne-Reihe durchziehen filigrane Ornamente den Bildraum, die ihre feine Struktur historischen Musterwalzen verdanken, die der Maler als „Werkzeug“ für sich entdeckte und nutzt. Mit dem Einsatz dieses Musterrapports hat Hermann Rudorf eine stimmige Reibungsfläche gefunden, die die freie Geste durchkreuzt und neue bildimmanente Fragen aufrollt. Die Strukturen betonen die Vertikale des Bildraums, lassen Licht durch die Zwischenräume des graphischen Dekors aufscheinen oder schimmern sanft im nächtlichen Dunkel. Aus diesem flackert oder explodiert Pink oder Türkisgrün, zeigt sich dichtes oder flirrendes Weiß und ein ganzes Universum monochromer Farbigkeit zwischen hell und dunkel oder Tag und Nacht – nicht zu vergessen, die zahllosen Schichten dazwischen.

 

Jenem gerade erwähnten Ornament entsprechen wiederkehrende Kreisformen in der kleinformatigen Serie Spirito Santo , die ihren Ursprung einer kleinen Stanzform verdanken, die Hermann Rudorf im Feriendomizil in Ligurien entdeckte und die nun als Erinnerungsspur und formales Element den Bildraum bereichert. Vergleichbar einer Tagebuchnotiz hält jedes Blatt der insgesamt 47-teiligen Folge Eindrücke zwischen dem 2. und 9. Oktober 2014 fest. Schwebezuständen gleich erinnern die Werke an Natur, wie sie auch in den anderen Werkreihen in Erscheinung tritt. Ob Keim, Blüte, Samen, Sporen, fließende Linien oder Farbe pur: Wie in Zeitlupe gezoomt entstehen Bilder vom Werden und Vergehen, zeigen sich

Transformationsprozesse, deren Kern sich öffnet und verschließt und zwischen Bild und Abbild oszilliert: Schillernd wie Seifenblasen entstehen und vergehen Träume. Dazwischen machen sich Schattenzonen breit, die sich zur Figur verdichten. Je nach Farbigkeit werden Strandszenen zu Tagträumen, schimmernde Tropfen zu Gloriolen, die sich auf madonnengleiche Köpfe setzen und die Alltagsszenerien mit den fernen Bildern aus den zahllosen Kirchenräumen der Gegend verweben. Frei fließend entwickeln sich auf dem Papier Formen und Farben, Lineamente und Binnenstrukturen, die sich in sanften Schwingungen oder seismographischen Wellen ganz selbstverständlich zwischen abstrakten und figürlichen Momenten bewegen.

 

Mit der Entscheidung für ein bestimmtes Kolorit sind Nähe oder Ferne, Reales und Irreales, Tag- und Nachtgedanken verknüpft. Farbe setzt so reale wie emotionale Impulse. Ob wir das Gesehene als Lokalfarbe oder Ausdrucksträger interpretieren, in den komplexen Überlagerungen und Raumstrukturen Landschaften, Figuren oder Architekturen entdecken – in allem Sehen zeigt sich die malerische Geste als kraftvoller Nukleus immer neuer nuancenreicher Welten aus Farbe und Licht, die eigenen Gesetzen folgt und doch aus der erlebten Wirklichkeit schöpft.


Dr. Birgit Möckel_Kunsthistorikerin, tätig als Kuratorin, Autorin, Hochschuldozentin, Vorsitzende des Kunstvereins KunstHaus Potsdam e.V., arbeitet in Berlin und Potsdam

Rede von Birgit Möckel

 

anlässlich der Ausstellungseröffnung

Hermann Rudorf Spirito Santo

am 20. März 2015 im Projektraum ANT, Berlin

 

veröffentlicht in der

Schriftenreihe Band 2 Zum Zufall,

herausgegeben von der

WILLMS NEUHAUS STIFTUNG

Zufall und Gestaltung.

 

Zur Ausstellung (20.3. - 24.4.2015)

erschien der Katalog

Hermann Rudorf_Spirito Santo,

herausgegeben von der

WILLMS NEUHAUS STIFTUNG

Zufall und Gestaltung.